Über das Verbrechen – äh, Versprechen

Was uns ungewollt aus dem Mund entschlüpft

Wer kennt diesen entblößenden Augenblick nicht? Der eigene Mund verselbständigt sich und spricht Dinge aus, die man eigentlich gar nicht sagen wollte, oder vielleicht doch? Haben wir etwa unbewusst das ausgesprochen, was wir gerade gedacht haben? Versprecher oder ehrliche Aussage?

Es gibt berühmte Beispiele für Versprecher, die uns gerade bei in der Öffentlichkeit stehenden Personen unvermeidlich ein Schmunzeln auf die Lippen zaubern, die den Betroffenen jedoch meist peinlich sind, sofern sie diese überhaupt selbst bemerkt haben. Versprecher sind menschlich und können jedem und überall passieren. Getreu nach dem Motto: „Ein Politiker ist auch nur ein Mensch“, wandte sich z. B. Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag 2008 an Roland Koch: „Mein lieber Roland Kotz … äh, Koch.“ Und vor einem Untersuchungsausschuss im Jahre 2005 äußerte sich Joschka Fischer: „Da wurde eine Hausbesetzung angesetzt …, Entschuldigung, eine Hausbesprechung.“

Sigmund_Freud_LIFE

Das Phänomen des Versprechens ist sicherlich so alt, wie die Menschheit gelernt hat sich über die Sprache zu verständigen. Auch wenn die meisten Versprecher einfach nur harmlose Versprecher sind, vermutete der Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freud einen tieferen Sinn dahinter. In seinem Werk „Psychopathologie des Alltagslebens“ publizierte Freud seine wissenschaftliche Erkenntnis, dass sich hinter einigen Versprechern auch „wahre“ Motive verbergen, die in der ungewollten Formulierung zum Ausdruck kommen, mit denen sich der Betreffende „verrät“. Die darin von Freud erkannten psychologischen Fehlleistungen sind heute auch bekannt als „Freud‘ sche Versprecher“, in denen oft zum Ausdruck kommt, was der Betreffende wirklich meint, wünscht oder plant. Nun bleibt es jedem selbst überlassen, wie er z. B. die „Patzer“ in den Äußerungen von Frau Merkel und Herrn Fischer deutet.

Unabhängig von einer solch tiefsinnigen Psychologie, zeigen Versprecher aber doch vor allem eins: Wir sind keine perfekten Sprachroboter. Und eigentlich sind doch die allermeisten „Freud‘ schen Fehlleistungen“ sympatische „Sprachschmeichler“. Mir selbst kam im Geschichtsunterricht der etwas „entfremdete“ Satz über die Lippen: „Friedrich und ohne Waffeln“ (Friedlich und ohne Waffen) und bei einem Verkaufsgespräch im Elektro-Fachmarkt schnappte ich die Frage nach einem „FKK-freien Kühlschrank“ (FCKW-freien …) auf.

Auf der Theaterbühne bleiben wir trotz fleißigen Textstudiums natürlich auch nicht von den „gefürchteten“ Versprechern verschont, denn die lassen sich bei allen Bemühungen nicht gänzlich vermeiden. Vielleicht gerade deshalb sollten wir Darsteller mit etwas Gelassenheit an die Sache heran gehen. Vielfach wird im professionellen Bereich der Versuch unternommen, solche „sprachliche Fehlleistungen“ durch gezieltes Rhetorik-Training zu minimieren. Das hat allerdings oft den nachteiligen Effekt eines allzu souveränen und sterilen Auftritts. Sympathischer und für das aufgeschlossene Publikum erheiternder, ist sicherlich ein nicht ganz so perfekter „Vortrag“, bei dem auch einmal ein Versprecher vorkommen darf. Denn auch das ist Teil des live gespielten Theaters und trägt zur Unterhaltung bei.

An einer unserer Bühnentüren im Pfarrsaal klebt dann auch dieser augenzwinkernde und aufmunternde Spruch:

Versprecher

Einige (wenige!) Versprecher haben sich in den Aufführungen zur aktuellen Inszenierung „Der Trauschein“ trotz der uns zu Herzen genommenen Gelassenheit eingeschlichen. Haben Sie diese bei Ihrem Theaterbesuch überhaupt bemerkt?

„Wir warten auf ein wichtiches Gespräch aus dem Ministerium.“
„Wenn Ihnen die Landliebe nicht passt … .“ (Achtung (keine) Werbung)
„Das Individium von gestern Abend?“ (Individuum)
„Da dachte doch keiner mehr an den Brautschein!“ (Trauschein)

Wir hoffen das ist ganz in Ihrem Sinne: Wir versprechen Ihnen, auch künftig nicht auf das Versprechen zu verzichten!

Zur vertiefenden Lektüre wird auf die nachfolgenden Quellen verwiesen:
„Zur Psychologie des Alltagslebens: Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum“ (FISCHER Taschenbuch, 2009).
„Reden ist Schweigen, Silber ist Gold“ (Dtv, 1998)

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