Das Phänomen Gerücht

Ein Kurier (irgendwo) zwischen Wahrheit und Lüge

In der kommenden Spielzeit widmet sich die Kolping-Theatergruppe Kärlich einem Thema, das jedem von uns täglich begegnet. Wir hören es, es fasziniert uns, wir glauben es, wir verbreiten es –  das Gerücht.

Mit diesem gesellschaftlichen Phänomen hat sich auch der amerikanische Autor Neil Simon beschäftigt, dessen Farce „Gerüchte…Gerüchte“ in einer Inszenierung von Marion Mülhöfer ab Ostern 2016 auf der Kärlicher Theaterbühne zu sehen sein wird.

Obwohl wir permanent Gerüchte verbreiten, häufig sogar unwissentlich, und wir auch selbst gelegentlich Gegenstand von Gerüchten sind, wissen die wenigsten von uns, wie dieses Phänomen eigentlich entsteht und was es ausmacht.

The Rumor von Thomas Derrick

The Rumour, Thomas Derrick (1885-1954), The National Archives (Goßbritannien),
katalogisiert mit der Dokumentennummer INF3/228

Der Duden definiert das Gerücht als etwas, was allgemein gesagt, weitererzählt wird, ohne dass bekannt ist, ob es auch wirklich zutrifft. Und laut einem Eintrag in Wikipedia, der freien Enzyklopädie, ist ein Gerücht eine unverbürgte Nachricht, die stets von allgemeinem bzw. öffentlichem Interesse ist, sich diffus und zumeist mündlich verbreitet und deren Inhalt mehr oder weniger starken Veränderungen unterliegt. In dieser allgemeinen Bedeutung wird der Begriff gelegentlich mit „Klatsch“, im Fall der Skepsis oder nachgewiesenen Unwahrheit auch mit „Legende“ oder „Märchen“ synonym verwendet. So haben sich in unserer Sprache auch die sinnverwandten Begriffe „Flüsterpropaganda“, „Latrinenparolen“ und „Stammtischparolen“ etabliert.

Welche Rahmenbedingungen sind es denn, die eine „Gerüchteküche“, wie die von Neil Simon in seinem Boulevardstück meisterhaft in Szene gesetzt, zum brodeln bringen?

Das Gerücht lebt von dem Spannungsverhältnis, ob es denn nun wahr oder unwahr ist. Daher erweckt es Interesse und erregt Aufmerksamkeit. Erfüllt es vorhandene Erwartungshaltungen (Ängste, Hoffnungen, etc.), fällt ein Gerücht auf einen nahrhaften Boden; es scheint für Momente Orientierung zu bieten. Ein Gerücht bedient zudem soziale Bedürfnisse nach Nähe und Übereinkunft. Durch das Teilen eines vermeintlichen Geheimnisses wird kurzzeitig so etwas wie eine Gemeinschaft der Wissenden hergestellt, die über gemeinsam geteilte Gefühle wie der Schadenfreude oder moralischer Entrüstung gestärkt wird. Darüber festigen sich vorhandene informelle Normen. Ein Gerücht entsteht sodann, wenn jemand (man kann ihn als Urheber des Gerüchts bezeichnen) eine Tatsachenbehauptung oder eine These „in die Welt setzt“, also mindestens einem Dritten gegenüber äußert. Typisch für ein Gerücht ist ein gewisser Verbreitungsgrad. Er hängt davon ab, wie oft und wie schnell ein durchschnittlicher Empfänger das Gerücht weitererzählt. Die Tatsachenbehauptung oder These kann wahr, halbwahr oder unwahr sein; man kann zwischen Unwahrheit und Lüge unterscheiden. Im ersteren Fall glaubt der Urheber selber an seine Falschaussage; im zweiten Fall nicht. Das Entstehen einer unwahren Tatsachenbehauptung oder These wird begünstigt, wenn der Urheber eine stark subjektiv gefärbte Wahrnehmung hat, unstrukturiert denkt, Vermutungen für Tatsachen nimmt, ein Missverständnis nicht bemerkt, wenn er zu Verschwörungstheorien neigt und/oder wenn er niedere Motive hat (als solche gelten z.B. Schadenfreude, Bosheit, Neid, Missgunst (impliziert Destruktivität)). ¹

Wie Gerüchte entstehen und sich weiter verbreiten hat der Künstler A. Paul Weber in seinem Werk „Das Gerücht“ überaus anschaulich dargestellt.

Das Gerücht von A. Paul Weber

Das Gerücht 1943/1953, A. Paul Weber (1893-1980), A. Paul Weber-Museum, Ratzeburg

Meisterhaft ist hier die Umsetzung eines abstrakten Begriffes in eine dingliche Form gelungen. Dabei prangerte Weber in dieser Zeichnung von 1943 bereits die monstrengebärende, unmenschlich monotone Architektur der modernen Großstädte an, aus deren Fensterlöchern die Gestalten dem Gerücht zuströmen und ihm immer neue Nahrung geben. Weber spielte in den Details der schlangenartigen Figur auf zahlreiche „geflügelte Worte“ oder Redewendungen an, die wir im Zusammenhang mit diesem Thema benutzen: Der Schlangenleib – Symbol der Falschheit – ist besetzt mit Augen und Zungen, der Kopf hat große, spitze Lauscher, mit denen das Gerücht „die Ohren spitzt“ und „etwas spitzkriegen“ kann, dicke Brillengläser, durch die es alles genauestens zu sehen glaubt und doch alles nur verzerrt wahrnimmt, eine große „Klappe“ mit „spitzer“ Zunge und einen langen „Riecher“, den es „in alles steckt“. ²

Wer soll jetzt da noch durchblicken, bei dem was wir tagtäglich zu Hören bekommen und was wir selbst als Informationen in Umlauf bringen – Wahrheit, Lüge oder Gerücht? Bei unserem Theaterstück können Sie sich jedenfalls entspannt zurücklehnen. Denn dieses Mal geht es nicht um Ihre „Wahrheiten“. Oder vielleicht doch? Folgen Sie den Akteuren und ihren Aussagen. Finden Sie selbst heraus, was „wahr gesprochen“ wird; es ist gar nicht so einfach. Viel Spaß in der „Gerüchteküche“ auf der Kärlicher Theaterbühne!

„Ein Dementi ist die verneinende Bestätigung einer Nachricht, die bisher ein Gerücht war“.
Roger Peyrefitte (1907-2000), französischer Schriftsteller und Diplomat

¹ Bild- und Textquelle (ext. Link): wikipedia 
² Bild- und Textquelle (ext. Link): weber-museum

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